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Wenn es um Gesundheitsthemen geht, will ich es genau wissen und gehe der Sache auf den Grund. Manchmal entpuppt sich etwas als ein schönes Luftschloss. Es sieht toll aus und wird fleißig beworben und es hat viele Besucher, Bewunderer und Anhänger. Meistens ranken sich kommerzielle Interessen darum, es gibt Bücher, Kurse, Vorträge, Dienstleistungen, usw.
Interessanterweise, auch wenn nicht wirklich etwas dahinter ist, muss es nicht nutzlos sein. Hier sind Gründe, warum es durch positive Nebeneffekte wirken kann, teilweise sogar sehr stark:
Der Placebo-Effekt (siehe auch hier)
Wenn jemand an ein Mittel oder eine Methode fest glaubt, werden durch den Erwartungseffekt psychische und physiologische Wirkungen erzeugt. Es ist gut belegt, dass dadurch messbare Veränderungen im Gehirn auftreten, Schmerzen reduziert werden, die Stimmung verbessert wird, Stresshormone verändert werden, usw. Es ist also keine "Einbildung", sondern Neurobiologie.
Aufmerksamkeit, Zuwendung, Erholung vom Alltag
In Klinikaufenthalten und Retreats erfährt ein Mensch Empathie, Gespräche, Berührungen, menschliche Wärme, soziale Interaktion. Dadurch werden erwiesenermaßen Stressmarker wie z.B. Cortisol reduziert.
Strukturen und Rituale
In Klinikaufenthalten und Retreats erlebt ein Mensch typischerweise Regelmäßigkeit, feste Essenszeiten, Schlafhygiene, bewusste Pausen. Der Arbeitsdruck fällt weg, man erhält mehr Schlaf, ist in der Natur, bewegt sich mehr. Dadurch werden erwiesenermaßen Stoffwechselmarker (z.B. Entzündungsmarker) im Blut verbessert.
Kalorienreduktion und Wegfall schädlicher Faktoren
In einer Kur gibt es keinen Alkohol, keine Zigaretten, kein Fast Food, weniger Stress. Z.B. in "Reinigungs"- oder "Entgiftungs"-Programmen gibt es weniger Kalorien, weniger Zucker, keine Genussgifte ... Dadurch verbessern sich u.a. Blutzucker, Leberwerte und das Gewicht.
Der "Reframing-Effekt" - man sieht etwas in einem anderen Licht
Wenn man sich entschließt, etwas für die Gesundheit zu tun und das auch wirklich durchzieht, steigert man seine Selbstwirksamkeit (= Überzeugung einer Person, dass sie in der Lage ist, bestimmte Aufgaben oder Herausforderungen erfolgreich zu meistern und ihre Ziele zu erreichen). Zum Beispiel könnte eine Mode-Diät der Einstieg sein in „Ich kümmere mich um meine Gesundheit“ und es folgen weitere Maßnahmen, um die eigene Gesundheit zu verbessern. Man verbessert also seine Fähigkeit, erfolgreich "Gesundheitsprojekte" durchzuziehen.
Verhaltenstransfer
Man beginnt mit einem "Luftschloss", z.B. einer Basendiät, und entdeckt dabei den Genuss beim Essen von Gemüse und findet dauerhaft zu besserer Ernährung.
Das Zwischen-Fazit
„Luftschlösser“ sind oft wissenschaftlich schwach (kein Wirksamkeitsnachweis), aber psychologisch stark und kommerziell sehr erfolgreich. Sie können aber dennoch wirken und außerdem schlechte Gewohnheiten unterbrechen, Achtsamkeit erzeugen, Struktur geben und Motivation erhöhen.
Hier wird es ernst!
Was gar nicht geht, ist, wenn z.B.
falsche medizinische Versprechen gemacht werden und ernsthafte Erkrankungen nicht behandelt werden (Homöopathische Kügelchen statt medizinischer Krebstherapie)
Produkte in den Verkehr gebracht werden, die potenziell gesundheitsgefährdend sind (extrem überdosierte Nahrungsergänzungsmittel)
Menschen völlig überteuerte, aber nutzlose Produkte oder Dienstleistungen verkauft werden, z.B. teures alkalisches Flaschenwasser, „Leber-Detox“-Tees für 80 € pro Packung, teure Bio-Matratzen mit "Magnetfeldern", extrem teure „Anti-Aging“-Supplemente, 5.000 € für eine „Entsäuerungswoche“, ...
Hier ist meine wachsende Sammlung von Luftschlössern:
Ich beginne mit einem Beispiel aus meiner Lokalzeitung, in der sich häufig großformatige Anzeigen zu "alternativen" Arzneimitteln finden:
"Gelenkschmerzen gezielt behandeln" lautet die Überschrift. Wir erfahren, dass das beworbende Schmerzgel Eva K. sehr gut geholfen hat und auch für Heinz K. ist es ein Muss nach längeren Wanderungen. Die Fakten: Es handelt sich um ein homöopathisches Mittel mit Rhus toxicodendron, für das es wenig Studien gibt (wobei immerhin "mögliche subjektive Verbesserungen" genannt werden). Robuste, placebokontrollierte Vergleiche mit wirksamen konventionellen Präparaten gibt es nicht. Im Gelenkspalt ist keine pharmakologische Wirkung nachweisbar. Kosten des Gels ca. 16 Euro pro 100 g .
Die Alternative wäre ein Gel mit Diclofenac für ca 5 Euro pro 100 g. Diclofenac-Gele gehören zu den am besten untersuchten äußerlich aufzutragenden Schmerzmitteln mit vielen hochwertigen und konsistenten Studien und Meta‑Analysen. Diese zeigen, dass Diclofenac die Haut durchdringt und im Gelenkspalt nachweisbar ist mit einer signifikanten, reproduzierbaren Schmerzreduktion.
Das Säure-Basen-Gleichgewicht und die "Basendiät"
Kurzfassung: Dass man das Säure-Basen-Gleichgewicht von außen regulieren müsse durch eine "Basendiät" ist Unsinn, der Körper reguliert das von alleine. Er hält den pH-Wert im Blut konstant, indem er überschüssige Säure neutralisiert und die Abfallprodukte werden über die Nieren und die Lunge ausgeschieden. Beworbene Nahrungsergänzungsmittel enthalten meistens Magnesium, Kalzium, Kalium und Zink. Diese sind zwar an der körperlichen Regulierung beteiligt, aber die benötigten Mengen werden problemlos über die Ernährung zugeführt. Beigefügte Urin-Teststreifen sollen messen, ob man übersäuert ist. Aber diese sagen nichts über den pH-Wert des Blutes aus und würden daher eine Übersäuerung nicht anzeigen.
Dennoch hat eine Diät mit basenbildenden Lebensmitteln Vorteile: es kann ein Einstieg zu einer Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten sein, also weg von zu viel tierischen Produkten hin zu einem höheren Pflanzenanteil.
Im Internet und diversen Medien werden allerlei Produkte und Dienstleistungen zu diesem Thema angeboten: Bücher, Kuren, Bäder, Nahrungsergänzungsmittel, alkalisches Flaschenwasser. Es gibt z.B. Geräte für mehrere tausend Euro, um das Leitungswasser alkalisch zu machen (was durch die Magensäure sofort neutralisiert wird). Damit soll Erkrankungen wie Rheuma, Herzprobleme und Bluthochdruck vorgebeugt oder diese sogar gelindert werden. Die einzige wirklich relevante Problematik betrifft Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion: Hier kann eine chronische Säurelast tatsächlich problematisch sein und erfordert eine Ernährungsumstellung.
Was steckt hinter einer Basendiät: Es werden säurebildende Lebensmittel gemieden. Diese schmecken nicht etwa sauer, sondern sie erzeugen im Verdauungssystem saure chemische Verbindungen. Vermieden werden Fleisch, Fisch, Eier, Milch und Milchprodukte, die meisten Hülsenfrüchte, Brot, Nudeln, Zucker, Kaffee, Alkohol und säurehaltige Früchte. Erlaubt sind säurearmes Obst, Gemüse, Kräuter, Salate, Nüsse, Samen, Kartoffeln. Es sollen 80 Prozent Gemüse und 20 Prozent Obst gegessen und viel Wasser getrunken werden.
Eine solche Diät kann aber dennoch wohltuend sein, aber aus anderen Gründen, z.B. mehr Gemüse, weniger hochverarbeitete Lebensmittel, Kalorienreduktion und eine damit verbundene Gewichtsabnahme, ...
"Detox"-Kuren
Durch entsprechende Kuren oder Produkte (Drinks, Salben, "Detox-Fußpflaster", "Ionische Fußbäder", „Leber-Detox“-Tees für 80 € pro Packung ...) sollen Schlacken gelöst werden, die Leber entgiftet werden oder der Darm gereinigt werden. Das ist Unsinn, es gibt keine "Schlacken"-Ablagerungen und Leber und Niere entgiften permanent.
Dennoch kann eine Kur wohltuend sein, aber aus anderen Gründen, z.B. weniger Alkohol, weniger hochverarbeitete Lebensmittel, Kalorienreduktion, viel Flüssigkeit, bewusste Pause vom Alltag, ...
"Superfoods" mit Heilsversprechen
Es werden immer mal wieder neue "Superfoods" gehyped (z.B. Açai, Goji, Matcha). Diese enthalten interessante Nährstoffe, aber entfalten keine magischen Wirkungen. Vielfältige, pflanzenreiche Ernährung liefert Vergleichbares und in der Regel deutlich günstiger.
„Entstörfelder“, Magnetmatten, Frequenzarmbänder
Behauptet wird z.B. "energetische Harmonisierung", "Zellkommunikation verbessern", „Schwingungen“, „Zellharmonisierung“, „Quantenenergie“ . Wissenschaftlich gibt es keine Evidenz für Heilwirkungen.
Alternative Medizin statt "Schulmedizin"
Kritik an der Schulmedizin (der korrekte Begriff wäre "evidenzbasierte Medizin") ist durchaus berechtigt, aber "alternative" Medizin ist nicht die Lösung, wir bräuchten eine bessere Medizin.
Schwächen unseres medizinischen Systems sind u.a.
Reparatur statt Prävention: Die Behandlung von Erkrankungen ist finanziell besser abgebildet als deren Vermeidung. Präventive Beratung (Ernährung, Bewegung, Lebensstil) wird oft unzureichend vergütet.
Zeitmangel: Wenige Minuten pro Patient. Komplexe Zusammenhänge bleiben unerklärt.
Diagnostische Grenzen: Ausführliche Labordiagnostik ist nicht immer wirtschaftlich. Lifestyle-Faktoren werden selten systematisch erhoben.
Therapiefehler im Alltag: Z.B. bei Osteoporose Vitamin-D-Gabe in einer Standarddosierung ohne Blutspiegelkontrolle, keine Ernährungsberatung
Die Lösung wären tiefgreifende Veränderungen in unserer Gesellschaft, die wohl politisch kaum umsetzbar sind:
Prävention stärken: Ernährung als festen Bestandteil der meidzinischen Ausbildung, Ernährungsmedizin in die Regelversorgung integrieren, Schulfach „Gesundheitskompetenz“
Bewegung systematisch fördern: Sport als Therapieoption, strukturelle Anreize für aktive Lebensweise
Genussmittelpolitik: Besteuerung schädlicher Produkte, klare Kennzeichnung, Werbebeschränkungen
Psychosoziale Medizin stärken: mehr Gesprächszeit, integrative Betreuung, Einbezug von Stress, Schlaf, sozialem Umfeld
Wissenschaft erweitern: mehr unabhängige Studien zu Lebensstilinterventionen wie Ernährung, Bewegung oder Stressreduktion, Förderung nicht-patentierbarer Therapien (z. B. Heilpflanzen, Lebensstilinterventionen)
„Vitamin C aus sizilianischen Zitronen“ – Naturstoff oder Chemie?
„Vitamin C aus sizilianischen Zitronen“ habe ich kürzlich in einer Werbung für ein Nahrungsergänzungsmittel gefunden. Sehr witzig! Natürlich ist das Unsinn: Vitamin C ist chemisch Ascorbinsäure und es ist egal, ob es aus einer Zitrone isoliert wird, mikrobiell fermentativ hergestellt wird oder industriell synthetisiert wird. Das Molekül ist strukturell identisch. Der menschliche Körper erkennt keine „Herkunft“. Der Hersteller verkauft also mit hoher Wahrscheinlichkeit industriell hergestelltes Vitamin C zu einem höheren Preis.
Gibt es dennoch Unterschiede zwischen Supplement und Naturprodukt? Ja – aber nicht wegen des Vitamin C selbst, sondern wegen des Lebensmittelkontextes. Eine Zitrone enthält zusätzlich: Flavonoide und andere sekundäre Pflanzenstoffe, Ballaststoffe, geringe Mengen weiterer Mikronährstoffe. Diese Stoffe können z.B. antioxidative Effekte ergänzen und Entzündungsmarker beeinflussen.
Das Naturprodukt kann aber auch Nachteile haben, z.B. die z.T. negative Wirkung mancher sekundärer Pfanzenstoffe (siehe hier bei "Sekundäre Pflanzenstoffe")
BAUSTELLE